Vom Studenten zum Kapitän

Vom Studenten zum Kapitän

Keno Kromminga (30), ehemaliger Nautikstudent

Ein ehemaliger Nautik-Student berichtet von seinen Erfahrungen im und nach dem Studium

Der 30-jährige Keno Kromminga studierte von 2007 bis 2014 in Elsfleth Nautik. Mittlerweile steht er als Kapitän mitten im Berufsleben. Zusammen mit der jade.impuls blickt er auf zehn Jahre, die er in der Seefahrt verbracht hat, zurück. Uns erzählt er, was er als Student, Absolvent und später als ausgebildeter Nautiker erlebt hat.

jade.impuls: Wenn du jetzt auf das Studium in Elsfleth zurückblickst, wie würdest du das beurteilen? 

Keno: Ich habe natürlich viele Leute kennengelernt, die woanders studiert haben und Elsfleth galt immer als der beste Studiengang. Mit dem Schiffsführungssimulator, den wir hatten, und den vielen qualifizierten Professoren ist das eine gute, fundierte Ausbildung. Es war natürlich auch teilweise überladen mit dem Stoff, den man im späteren Beruf nicht braucht. Ich würde sagen, typisches Studium.

jade.impuls: Was könnte verbessert werden?

Keno: Im Grunde genommen ist es eigentlich so, dass man noch mehr Praxis bräuchte. Bei der Theorie hätte es in manchen Modulen etwas mehr Bezug zur Schifffahrt haben können. Das hängt aber natürlich auch von den unterrichtenden Professoren ab. Metereologie hatte ich damals bei jemanden, der kam nicht aus der Seefahrt. Da konnte ich ausrechnen, wann Wasser auf dem Mount Everest kocht. Da hat natürlich der Bezug gefehlt. Ich muss aber wiederum sagen, dass in vielen seefahrtsbezogenen Vorlesungen beispielsweise wirklich Kapitäne unterrichtet haben, die natürlich sehr gut waren.

jade.impuls: Du hast noch vor dem Studium ein Praktikum absolvieren müssen. Das hat sich mittlerweile geändert, die Studierenden absolvieren nur noch Praktika während des Studiums. Wo hast du dein erstes Praktikum absolviert?

Keno: Ich war bei der Reederei Briese in Leer. Dort war ich auf dem Schiff BBC Ems, das speziell für die großen Seen in Kanada gebaut wurde. Wir sind in Dänemark gestartet und dann einmal über den Atlantik, rüber nach Kanada und wieder zurück. Und dann Richtung Texas und an der brasilianischen Küste entlang bis nach Rio de Janeiro.

jade.impuls: Und das alles ohne Vorkenntnisse?

Keno: Ich segle schon, seitdem ich klein bin, und habe auch diverse Segel- und Ausbildungsscheine. Ich wusste zumindest, was Wasser und was ein Schiff ist. Aber von der Großschifffahrt hatte ich wenig Ahnung.

jade.impuls: Wie war es, so lange am Stück auf See zu sein?

Keno: 2007 war es tatsächlich schwer, Kontakt zu Familie und Freunden in der Heimat aufzunehmen. Es gab noch keine internationalen Handyverträge wie heute, sodass man auch ins Ausland zum normalen Tarif telefonieren kann. Das war damals schon teuer. WLAN an Board ist kein Standard, auch 2018 nicht. Und dann konnte es schon mal sein, dass man wochenlang wirklich keinen Kontakt hatte.

jade.impuls: Wie findest du es, dass mehrere Praktika während des Studiums absolviert werden müssen?

Keno: Ich finde das definitiv gut. Die klassische Ausbildung, wie es sie früher gab, dass man sich vom Deck sozusagen hochgearbeitet hat zum Kapitän, ist nicht mehr zeitgemäß. Die Praxissemester sind in meinen Augen notwendig. Wenn man jemanden ausbilden würde, der gar keine Ahnung hätte und nur Simulator fährt, wäre das definitiv nicht gut. Der Simulator ist grundsätzlich von Vorteil. Aber es gab beispielsweise Kommilitonen von mir, das waren pure Theoretiker. Die konnten das Schiff mit dem Simulator auf den Zentimeter genau steuern und wenn sie auf einem richtigen Schiff standen, dann konnten sie es nicht.

jade.impuls: Haben die Praktika deinen späteren Berufsweg beeinflusst?

Keno: Durch das Praktikum war mir schnell klar, dass die „große Fahrt“ nichts für mich ist. Für mich war klar, dass ich gerne Schiff fahre, aber dass es nicht unbedingt vier oder fünf Monate am Stück irgendwo auf der ganzen Welt sein muss. Allerdings habe ich meine Bachelorarbeit auch bei der Reederei geschrieben, bei der ich das zweite Praktikum absolviert habe. Und da wurde ich dann nach dem Studium als nautischer Inspektor übernommen. Ich habe hauptsächlich die Schiffe begutachtet. Ich habe alles gemacht, was mit Schiffen zu tun hatte, außer es selbst zu fahren. Das war dann auch der ausschlaggebende Punkt, warum ich den Job gewechselt habe.

jade.impuls: Und wo arbeitest du jetzt?

Keno: Mittlerweile arbeite ich als Kapitän in der Schleppschifffahrt bei Schramm, in Brunsbüttel. Die machen Seeverschleppungen. Ich fahre im Moment ein Projektschiff. Wir machen die Elbvertiefung, also von den Nebenflüssen der Elbe.

jade.impuls: Wie ist es, ein paar Wochen zu arbeiten und ein paar Wochen Urlaub zu haben?

Keno: Meine Freundin ist Berufsschullehrerin in Bremen und kannte eine solche Situation vorher überhaupt nicht. Es war anfangs schwer für uns, dass ich immer wieder so lange nicht zu Hause bin. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt. Allein dadurch, dass sie das aushält, unterstützt sie mich schon mehr als genug. Wenn man an Bord ist, arbeitet man zwei Wochen durch. Man hat zwar seine Ruhephasen, aber man ist immer auf seiner Arbeitsstelle. Und wenn man dann zu Hause ist, hat man zwei Wochen frei und macht gar nichts. Man hat wenige Verpflichtungen, außer die, die man sich selbst auferlegt. Da muss man zu Hause einen Ausgleich finden. Es ist bestimmt nicht der Job, den ich mein Leben lang machen will. Momentan ist das ein lukrativer Job und ich will ihn auch erstmal weitermachen, bis ich mir vielleicht in der Nähe von Bremen einen Job suche, wo ich auch an Land bleiben kann.

jade.impuls: Wie schätzt du die Jobchancen für Absolventen, aber auch für dich selbst ein?

Keno: Es ist extrem schwierig, als Absolvent überhaupt einen Job auf See zu finden. Das Problem ist, dass die Reedereien Leute mit Erfahrung suchen, die 20 Jahre alt sind. Einfach utopisch. An Land ist es tatsächlich so: Wenn man ein bisschen Erfahrung gesammelt hat, dann findet man einfacher eine Stelle. Man muss sich eventuell damit arrangieren, dass man nicht mehr so ein hohes Gehalt bekommt wie an Bord.

jade.impuls: Dann war es für dich ja ein Glücksfall, dass du durch das Praktikum nach dem Studium direkt eine Stelle angeboten bekommen hast.

Keno: Ja. Das war definitiv ein Glücksfall. Ich kenne auch viele Leute, die nach dem Studium erstmal in die Arbeitslosigkeit gegangen sind, weil sie keinen Job gefunden haben. Mitunter durch mangelnde Erfahrung, aber es gab eine Zeit lang auch wenige Jobs. Das ist auch eine Sache, die hat mich während des Studiums in Elsfleth und danach extrem gestört: Uns wurde suggeriert, dass es durch das Elsflether Studium überhaupt kein Problem sei, einen Job zu finden, und dass die Reedereien sich um einen reißen würden. Dabei hatte die Schifffahrtskrise zu dem Zeitpunkt schon begonnen.

jade.impuls: Also siehst du auf dem Arbeitsmarkt der Seefahrt generell ein Problem?

Keno: Ich habe in der Zeit studiert, in der es die Beluga Reederei noch gab. Die haben viele Leute ausgebildet. Mittlerweile macht das fast keine Firma mehr. Das Problem ist, dass die Firmen häufig keine Absolventen nehmen, weil sie nicht in der Lage sind, sie selbst auszubilden oder es nicht wollen, geschweige denn, sie vernünftig zu bezahlen. Wir verdienen zwar alle als Nautiker nicht schlecht, aber es war auch schon mal mehr. Zumindest rückblickend in der Zeit, die ich jetzt hinter mir habe, war es sehr schwer, Jobs zu finden. Es gibt schon Jobs in der Seefahrt, man muss sich nur ein bisschen umschauen und eventuell mit seinen Gepflogenheiten brechen.

jade.impuls: Bist du selbst Momentan glücklich in deinem Beruf?

Keno: Ich habe eigentlich alles, was mit Seefahrt zu tun hat, schon immer gerne gemacht. Meinen jetzigen Job habe ich eher unerwartet bekommen. Dabei wollte ich eigentlich schon lange in die Schlepperei und habe mich dafür immer wieder beworben in den letzten zwei Jahren. Bisher fühle ich mich gut aufgenommen und es macht mir Spaß. Und ja, ich kann sagen, dass ich momentan glücklich bin.

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