Seefinchen: Eine Geschäftsidee aus Schokolade – jade.impuls
Seefinchen: Eine Geschäftsidee aus Schokolade

Seefinchen: Eine Geschäftsidee aus Schokolade

Mit Nervennahrung in die Klausurphase – oder in die Selbstständigkeit. Für zwei Studierende der Jade Hochschule ist dieser süße Traum in Erfüllung gegangen. Gemeinsam mit Dr. Jürgen Petzold vertreiben Anja Causemann und Angelo Lüdtke eine Schokolade unter dem Namen „Seefinchen“. Was als studentisches Projekt im Jahr 2016 begann, ist inzwischen zu einem Start-up geworden. Beim Befüllen der bunten Tütchen packen alle Beteiligten höchstpersönlich mit an.

Im Gespräch mit der jade.impuls sprechen die drei Macher hinter den Seefinchen über ihr Geschäftsmodell, den Sprung in die Selbstständigkeit und ihre Zukunftsvisionen.

jade.impuls: Herr Petzold, was ist Ihre Lieblingssüßigkeit?

Jürgen Petzold: Schokolade. Genauer gesagt, die Borkenschokolade.

jade.impuls: Auch, nachdem Sie sich jetzt mit der Seefinchen-Schokolade selbstständig gemacht und damit täglich beruflich zu tun haben?


Petzold: Ja, tatsächlich. Ich mag sie immer noch. Wenn man die großen Mengen hat, dann greift man auch gerne mal rein und isst was davon, aber das wird mit der Zeit weniger.

Verpackt die Seefinchen-Schokolade höchstpersönlich: Dr. Jürgen Petzold.
Verpackt die Seefinchen-Schokolade höchstpersönlich: Dr. Jürgen Petzold.

jade.impuls: Was genau ist die Idee hinter den Seefinchen?

Petzold: Wir möchten mit unserer Borkenschokolade in Vollmilch, Zartbitter und weiß drei Geschäftsfelder bedienen. Wir richten uns an Hotels, die die Schokolade als Betthupferl anbieten und an Unternehmen, die unsere Schokolade als Werbepräsente nutzen. Darüber hinaus widmen wir uns dem Bereich Backen & Dekorieren. Ich bin der Meinung, dass jeder Schokolade verkaufen kann. Wir verkaufen unsere Schokolade daher hauptsächlich über die Verpackung, die ebenfalls von Studierenden gestaltet wurde.

jade.impuls: Der Ursprung der Seefinchen liegt im Jahr 2016.

Petzold: Das ist richtig. Ein ehemaliger Student der Jade Hochschule, der bei mir seine Bachelor-Arbeit geschrieben hat, rief mich an und erzählte mir, dass er inzwischen Assistent der Vertriebsleitung bei Ulmer Schokoladen in Wilhelmshaven sei. Er war auf der Suche nach einem Projektteam, das daran arbeitet, dass die Ulmer Schokolade sich neben der Industrie auch an den Endverbraucher richtet. Zusammen mit dem Fachbereich Management, Information und Technologie (MIT) und dem damaligen Dozenten Michael Schuricht haben wir dann ein Projekt mit zwölf Studierenden auf die Beine gestellt. Wir haben zwei Wochen im alten Wasserturm zusammengesessen und Ideen für die unterschiedlichen Schokoladentypen von Ulmer entwickelt. Eine davon war eine Idee mit dem Arbeitstitel „Strandgutpraline“, die heutigen Seefinchen. Das Studententeam bei den Seefinchen hat seit dem Start mehrfach gewechselt. Für mich war das eine neue Erfahrung. Das Team um Anja Causemann und Angelo Lüdtke ist jetzt insgesamt schon das dritte. Die beiden sind jetzt erstmals auch Teilhaber an den Seefinchen.

jade.impuls: Wie sieht die Teilhaberschaft aus?

Angelo Lüdtke: Herr Petzold hat uns beiden jeweils einen Anteil von zehn Prozent angeboten. Geld ist dafür von unserer Seite nicht geflossen, dafür fließt erst einmal Arbeitsleistung.

Petzold: Aktuell sind wir noch im Verlustbereich. Die Anteile greifen erst, sobald wir in der Gewinnzone sind. Da knabbern wir noch dran, aber das Ziel ist in Sichtweite. Wenn die beiden dann später mal ausscheiden, haben sie zwei Möglichkeiten: Entweder sie behalten ihre Anteile als passive Mitglieder oder ich lasse den Firmenwert bestimmen und kaufe die Anteile zurück.

Anja Causemann: Wir haben bei diesem Start-up überhaupt kein Risiko. Ohne diese Möglichkeit hätte ich gar keinen Mut gehabt, selbst eins zu gründen.

jade.impuls: Die Seefinchen sind in die InBizz Concept UG eingegliedert. Was hat es damit auf sich?

Petzold: Die InBizz Concept UG habe ich Mitte 2017 für genau solche studentischen Initiativen gegründet. Sie soll Start-ups von Studierenden eine Zwischenheimat geben. In der InBizz Concept UG können sie sich ausprobieren. Wenn es erfolgreich läuft, können sie sich aus der UG lösen und ihre eigene Marke gründen. Wenn es nicht läuft, dann können wir es einfach auslaufen lassen und die Marke wieder rausnehmen.

Der Instagram-Kanal der Seefinchen ist seine Baustelle: Angelo Lüdtke
Der Instagram-Kanal der Seefinchen ist seine Baustelle: Angelo Lüdtke

jade.impuls: Wenn Studierende sich selbstständig machen wollen, wie sehen aus Ihrer Sicht denn die ersten Schritte aus?

Petzold: Als allererstes sollte man einen Termin mit dem Institut für Unternehmensgründung und Innovation hier an der Jade Hochschule machen und seine Idee vorstellen. Da hat man mehr Kompetenzen an Bord. Da ist Horst Kiel mit sehr viel Marketingerfahrung und Thomas Lekscha mit seinen technischen Erfahrungen. Zudem besteht dort Zugriff auf Patentanwälte. Das Institut kann sich allerdings nicht finanziell beteiligen, sondern nur Empfehlungen aussprechen. Man macht dort einen Finanzplan und einen Businessplan. Wenn die Studierenden dann immer noch sagen, dass sie das machen wollen und wenn ich die Idee auch toll finde oder wir zwei, drei weitere finden, denen die Idee gefällt, dann können wir das Projekt zusammen in Angriff nehmen. Wir würden die Idee und die Marke in die InBizz Concept UG aufnehmen, einen entsprechenden GbR Vertrag schließen und dann gemeinsame Geschäfte machen. Ich würde immer empfehlen, die Marke für 800 Euro anzumelden. Das ist oft auch ein schöner Test, um zu sehen, wie ernst die Leute es meinen. 800 Euro sind ja schon eine Hausnummer. Aber wenn man eine Idee hat und wirklich daran glaubt, dann muss man es einfach machen. Und wenn man das mit einem relativ kleinen finanziellen Aufwand macht, was hat man dann verschenkt? Zeit. Mehr nicht. Und die Studierenden haben Erfahrungen gesammelt.

jade.impuls: Zeit ist ein gutes Stichwort. Sie investieren viel davon in diese studentischen Projekte und gehen zudem ein finanzielles Risiko ein. Was motiviert Sie dazu?

Petzold: Da steckt ein großer Spaßfaktor hinter. Ich mache nebenbei nicht viel anderes. Meine Frau schimpft auch öfter und sagt, „komm lass uns lieber mal etwas zusammen machen“. Aber bei den Seefinchen konnte ich sie überzeugen, dass sie da mitmacht. Die erste Zeit haben wir zusammen im Wohnzimmer gesessen und dort die Tütchen abgefüllt. Dadurch, dass die Seefinchen mittlerweile ein bisschen größer geworden sind, habe ich in der alten Kaserne in Ebkeriege ein Lager gemietet. Da wird jetzt abgefüllt. Manchmal machen die Studis mit, manchmal meine Frau. Und was das Finanzielle angeht: Das sind ja keine zigtausende, mit denen ich ins Risiko gehe. Das mache ich wirklich gern und da traue ich mir zu, beurteilen zu können, ob am Ende wirklich mindestens eine schwarze Null dabei rauskommt. Bislang ist das auch immer gut aufgegangen.

jade.impuls: Was macht ihr Studis, wenn Herr Petzold mit seiner Frau die Schokoladentütchen packt?

Lüdtke: Ich habe die Website der Seefinchen aufgebaut und pflege sie. Die Seite ist immer noch nicht richtig fertig, da arbeite ich noch an den Feinheiten. Darüber hinaus betreue ich den Social Media Bereich. Aktuell sind wir nur bei Instagram vertreten. Da hat sich zuletzt aber nicht so viel getan, weil ich zurzeit noch meine Bachelorarbeit schreibe. Ab Sommer wollen wir da mehr machen. Langfristig wollen wir auch noch bei Amazon unsere Produkte vertreiben.

Causemann: Beim Vertrieb beginnt meine Arbeit für mich immer mit einer Internetrecherche, welche Kunden für uns in Frage kommen könnten. Dann stelle ich die Seefinchen per E-Mail vor und schaue, ob wir auf offene Ohren stoßen. Per Telefon frage ich entsprechend noch einmal nach. Wenn dann Interesse besteht, schicke ich entweder direkt ein Angebot oder ich fahre persönlich zu den Interessenten und stelle unsere Produkte vor Ort noch einmal vor.

Anja Causemann bringt die Seefinchen unter die Leute.
Anja Causemann bringt die Seefinchen unter die Leute.

jade.impuls: Und wie geht es in Zukunft mit den Seefinchen weiter?

Causemann: Zuletzt sind wir mit unseren Produkten noch mehr in Richtung Backwaren gegangen, zum Beispiel mit kleinen Erdbeer-Schoko-Herzen zur Verzierung von Torten, Kuchen oder Plätzchen. Das ist die neue Richtung, die wir einschlagen.

Lüdtke: Wir wollen langfristig auch noch andere Produkte vertreiben, die gut zu den Seefinchen passen, also zum Beispiel Wein oder Kaffee.

Petzold: Langfristig können die Seefinchen vieles sein. Wenn ich mehr Zeit habe und kreative Leute finde, könnte ich mir auch eine Bildergeschichte oder einen kleinen Zeichentrickfilm vorstellen. Dann kommen wir richtig in den Bereich Storytelling und die Marke könnte weiter ausgebaut werden. Seefinchen schwimmt an den Küstenstränden vorbei und dort entdeckt sie Schokolade, Gemüse oder Getränke. Das könnte dann alles das Label Seefinchen tragen. Das ist so der Zukunftstraum, dass Seefinchen alles finden und verkaufen kann, was irgendwo an den Küstenstränden ist. Küstenstrände haben wir bewusst sehr weit genommen, das muss sich nicht nur auf Deutschland beschränken.

Über die Beteiligten:

Anja Causemann (42) studiert Wirtschaft an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. Seit Sommer 2017 ist sie bei den Seefinchen dabei. Vor ihrem Studium war sie zwölf Jahre als Soldatin bei der Bundeswehr.

Angelo Lüdtke (25) studiert ebenfalls Wirtschaft in Wilhelmshaven. Hobbymäßig verdient er sein Geld mit Websites, die er in seiner Freizeit aufbaut. Die Seefinchen unterstützt er seit Sommer 2017.

Dr. Jürgen Petzold (55) ist Studiengangsleiter „Wirtschaft im Praxisverbund“ an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. Darüber hinaus ist er Mitglied des Vorstands des Instituts für Unternehmensgründung und Innovation der Jade Hochschule und Sprecher des Beirats für Stadtentwicklung der Stadt Wilhelmshaven.

Autor: Michael Bieckmann

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