German Angst vs. Traum von Selbstständigkeit – Teil 2

German Angst vs. Traum von Selbstständigkeit – Teil 2

Selbständigkeit schon während des Studiums, oder direkt danach – eine Traumvorstellung in den Augen vieler. Und doch ein Vorhaben, das mit Ängsten und Risiken verbunden ist. Wie stehen Hochschulangehörige, Gründer und Studierende dazu?

Den ersten Teil dieses Artikels findest du aktuell in der 34. Ausgabe der jade.impuls auf Seite 5.

Voraussetzungen einer erfolgreichen Gründung

Auch Prof. Dr. Horst Kiel, der bis 2018 an der Jade Hochschule lehrte und ebenfalls im UGI tätig ist, empfiehlt allen Gründungswilligen, die Hochschul-Strukturen unbedingt zu nutzen. Der 65-Jährige hatte sich den Studierenden mit seinem 1995 gegründeten Unternehmen adeo in der Vortragsreihe „Von der Idee in die Selbständigkeit“ vorgestellt. „Ein eigenes Unternehmen aufzubauen, ist in meinen Augen die schönste ganzheitliche Herausforderung überhaupt“, sagt Kiel. Welches Business der Gründer zu seinem macht, sei dabei keineswegs trivial. „Die wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg sind Leidenschaft und Identifikation mit dem, was man tut.“ Kiel widmete sich mit seinem Unternehmen unter anderem den Bereichen Direct- und Telemarketing, Datenkonsolidierung und Outsourcing. Jungen Gründern legt er ans Herz, mit ihrer Idee ebenso mehrere Geschäftsfelder auszuschöpfen. „Viele Gründer machen den Fehler, sich auf einer einzigen Idee auszuruhen. Es ist aber extrem wichtig, stets mit der Zeit und dem Markt zu gehen.“ So könnte man zu einem Produkt noch eine Dienstleistung anbieten oder andersrum. Der begeisterte Unternehmer rät den Studierenden auch, im Team zu gründen. Niemand könne alles wissen. Eine gewisse Gründungspersönlichkeit müsse allerdings jeder aufweisen, der sich selbstständig machen will. Ob es langfristig funktioniert oder scheitert  – darüber entscheiden vor allem Soft Skills wie Ehrgeiz, Entscheidungsfreude, Ausdauer und Risikobereitschaft. „Mit Kritik und Rückschlägen sollte man auch umgehen können“, so Kiel.

Ausreichend Know-how für die Selbständigkeit?

In den Augen vieler Studenten und Absolventen stellt sich oft noch eine ganz andere Hürde: Das Gefühl, während des Studiums nicht ausreichend auf eine eventuelle Unternehmensgründung vorbereitet zu werden. Jürgen Petzold, der tagtäglich mit jungen Gründern zu tun hat, ist mit solchen Sorgen vertraut. Betreut hat er unter anderem erfolgreiche Gründungen von Unternehmen wie „Freiblock“, „Seefinchen“, „Victim Brand“ und „Born Originals“ – mittlerweile feste Größen in Wilhelmshaven und zum Teil auch darüber hinaus. „Praxis lernt man tatsächlich nur durchs Tun. Natürlich sind die betriebswirtschaftlichen Grundlagen sehr hilfreich. Aber man muss gar nicht den Anspruch haben, alles spezifische Wissen im Studium zu lernen. Aus der Vorlesung heraus werden die wenigsten Unternehmer“, betont der Professor. Auch wer in seinem Studium keine Fächer wie BWL, Marketing oder Investition und Finanzierung hat, der könne sich das wirtschaftliche Know-how nachträglich aneignen. „Oftmals sind diese Leute durch ihren fachspezifischen Studiengang Experten in einem Bereich. Nischen und Problemfelder erkennen sie eventuell besser“, so Petzold.

Viel Klärungsbedarf zu Beginn einer Gründung

Wer sich selbstständig machen will, muss sich zunächst einmal mit den klassischen Fragen der Unternehmensgründung auseinandersetzen. Angefangen von dem Mehrwert des Produkts, der Markttauglichkeit, über die Marketing-Strategie bis hin zur Finanzierung. Entscheidend ist vor allem ein gut ausgearbeiteter Businessplan, der „auch schon mal auf zehn Seiten passen kann“, sagt Petzold. Davor, so der Professor, sollten Gründungswillige in jedem Fall auch einen Prototypen entwickeln. So lasse sich besser beurteilen, zu welchem Preis das Produkt angeboten werden kann und ob dies mit den Kosten vereinbar ist. Wie das Produkt beim Kunden ankommt, kann man durch Testverkäufe feststellen –  ob auf dem Wochenmarkt oder im Internet.

Hürden: Bürokratie-Dschungel und finanzielle Sorgen

Darüber hinaus müssen sich Gründer auch mit oft unliebsamen bürokratischen Angelegenheiten herumschlagen. Gewerbeanmeldung, Namens- und Markenrechte, die passende Unternehmensform, Steuern und Buchführung – all das hat auch das Team vom Café Freiblock durchgemacht. Im Jahr 2017 gründeten sechs Studierende der Jade Hochschule in Wilhelmshaven das Café im Herzen der Südstadt. „Damals haben wir am Wettbewerb Plug & Work teilgenommen. Dafür mussten wir die Freiblock GbR schon gründen, bevor wir uns ganz sicher sein konnten, dass es funktionieren wird“, erzählt Kilian Wagenhäuser vom Freiblock-Team. Plug & Work ist eine Wirtschafts-Initiative der Stadt Wilhelmshaven, die Start-Ups in der Südstadt fördern will. Gewinnern wird ein Jahr lang die Kaltmiete für ein Gebäude in der Südstadt gezahlt. „Vor allem das Finanzielle war unser Sorgenkind. Als erstes stand im Raum, wie wir überhaupt an das nötige Geld kommen. Andererseits hatten wir auch Angst davor, dass wir auf den Kosten sitzen bleiben, wenn der Laden nicht läuft“, sagt Carina Felber, ebenfalls Mitbegründerin des Cafés. Viele gründungswillige Studenten oder Absolventen befinden sich in ähnlicher Situation – ohne eigene Rücklagen und oft auch noch verschuldet durch Bafög oder andere Kredite.

Unterstützung und die richtige Finanzierung entlastet junge Gründer

„Dass wir bei Plug & Work gewonnen haben, hat uns schon mal eine große Last genommen. Die restlichen Anfangsinvestitionen konnten wir dann durch das Crowdfunding bei Startnext begleichen“, so Carina weiter. Diese Finanzierungsform ist laut Professor Petzold nach der Wirtschaftsförderung und Unterstützern im eigenen Umfeld eine weitere gute Option. „Empfehlen kann ich aber vor allem das EXIST-Gründerstipendium“, so der 56-Jährige. Adeo-Gründer Dr. Horst Kiel warnt allerdings davor, sich zu sehr auf fremdes Geld zu verlassen: „Das Geschäftsmodell sollte sich zumindest nach einiger Zeit tragen. Alles andere hieße, dass es nicht genug Kunden gibt, die dein Produkt kaufen wollen. Wer mal mit einer Idee scheitert, sollte aber nicht sofort annehmen, er sei für die Selbstständigkeit nicht gemacht.“

Du siehst: Die Selbständigkeit während des Studiums oder danach kann einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben darstellen, birgt aber auch Risiken. Wenn man sich gut vorbereitet und nicht blindlings in ein Abenteuer hineinstürzt, ist es gut möglich, dass man richtig durchstartet.

Hier findest du noch ein paar hilfreiche Internet-Seiten, die dir den Weg ins eigene Business erleichtern.

Auf den Existenzgründerseiten des Bundesministeriums für Wirtschaft sind alle wichtigen Infos rund um das Thema übersichtlich aufbereitet. Es gibt Online-Trainings, Expertenforen und viele andere Services für Gründer. Auch Informationen zum EXIST-Gründerstipendium findest du dort.

SmartBusinessPlan: Die Seite bietet sehr hilfreiche Tools, mit denen du deinen Businessplan professionell aufstellen kannst.

Startnext: Hierbei handelt es sich um eine beliebte Crowdfunding-Plattform. Dort kannst du das benötigte Gründungskapital sammeln, indem du dein Unternehmen oder Vorhaben vorstellst und von Unterstützern Gelder bekommst.

Plug&Work: Für alle Gründungswilligen, die sich in der Südstadt in Wilhelmshaven niederlassen wollen.

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