Fortsetzung: Gehirndoping auf Rezept – Informationen und Statistiken zu Ritalin & Co.

Fortsetzung: Gehirndoping auf Rezept – Informationen und Statistiken zu Ritalin & Co.

Für den Artikel „Konzentration auf Rezept“, der am 04.05.2017 in der jade.impuls erschienen ist,  wurde eine Umfrage zum Thema leistungssteigernde Medikamente an der Jade Hochschule durchgeführt. Insgesamt nahmen 147 Studenten an der Erhebung teil. 85% der Befragten studieren in Wilhelmshaven, 13% in Oldenburg und 2% in Elsfleth. 57,8% der Studenten sind weiblich und 42,2% männlich. Die gesammelten Daten werden im Folgenden grafisch veranschaulicht.

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Aber was sind Medikamente wie Ritalin, Modafinil und Betablocker eigentlich und wie wirken sie? Im folgenden Text findest du Informationen zu diesen und auch weiteren im Selbstversuch genannten Medikamenten.

Ritalin (Methylphenidat)
Das bekannteste Aufputschmittel in Studentenkreisen ist Methylphenidat, das unter dem Namen Ritalin gehandelt wird. Der Wirkstoff Methylphenidat ist ein Stimulans, was bedeutet, dass er bei gesunden Menschen zunächst anregend wirkt. Eigentlich ist das Medikament für Personen vorgesehen, die unter der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) leiden. Bei ihnen schwächt die Substanz den krankheitsbedingten Bewegungsdrang, da sie den Spiegel der Nervenbotenstoffe Dopamin, Noradrenalin und Serotonin im Gehirn ansteigen lässt. Dadurch steigert sich die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit (Bopp & Herbst 2012: 1144). Diesen Effekt verspüren auch gesunde Studenten, die das Medikament zum Lernen missbrauchen.
Die Liste der Risiken und Nebenwirkungen ist jedoch lang. So führt ein regelmäßiger Konsum rasch in die Abhängigkeit. Außerdem können Nebenwirkungen wie depressive Verstimmungen, Nervosität, Appetitlosigkeit und Angstgefühle auftreten (Bopp & Herbst 2012: 1145). Da das Medikament eine solche Bandbreite an Gefahren birgt, steht es unter dem Betäubungsmittelgesetz und wird nur in Kombination mit einer Psychotherapie vom Arzt verordnet (Bischoff 2017).

Valium (Diazepam)
In meinem Selbstversuch, bei dem ich versucht habe mir von verschiedenen Allgemeinmedizinern Ritalin verschreiben zu lassen, habe ich von einem Arzt das Benzodiazepin Diazepam erhalten. Besser bekannt als Valium, mindert das Medikament die bewusste Wahrnehmung und die Intensität von Gefühlen. Emotionale Anspannung, Erregung und Angst lösen sich, und es stellt sich eine schlaffördernde und muskelentspannende Wirkung ein (Bopp & Herbst 2012: 1038). So gut das auch klingen mag, so gefährlich ist es. Denn Benzodiazepine machen sehr schnell abhängig. Das bestätigte mir auch der Allgemeinmediziner Martin Tillmann, mit dem ich, unter anderem, über die mir verordneten Medikamente gesprochen habe. Hätte ich die zehn Tabletten mit der empfohlenen Dosis von einer Tablette am Tag eingenommen, so Tillmann, dann wäre ich am elften Tag erneut zum Arzt gegangen, um mir neue zu besorgen. „Zu mir kommen in der Woche 50 Patienten, die nichts anderes wollen, als Diazepam verschrieben zu bekommen“, sagt Tillmann. In Europa konsumierten im Zeitraum von 2011 bis 2013 17,5% der Bevölkerung täglich Benzodiazepin-basierte Beruhigungsmittel. Diese Tatsachen sollten zur Vorsicht anregen. Auch dieses Medikament steht unter dem Betäubungsmittelgesetz (Bischoff 2017).

Beta-Blocker (Bisoprolol)
Beta-Blocker werden hauptsächlich bei Bluthochdruck verordnet. Sie sorgen dafür, dass das Herz langsamer schlägt und die Bronchien sich verengen. Als Folge sinkt der Blutdruck (Bopp & Herbst 2012: 698). Das sorgt zudem für eine beruhigende bis entspannende Wirkung. Auch dieses Medikament wurde mir in meinem Selbstexperiment von einem Allgemeinmediziner verordnet. Dieser sagte mir im Gespräch, dass er das Medikament in seiner Studienzeit gegen Prüfungsangst genommen hätte. Man müsse jedoch darauf achten, nicht zu hoch zu dosieren, da man ansonsten aufgrund des zu geringem Blutdrucks ohnmächtig werden könne. Auch können nach Absetzen des Medikaments Herzrhythmusstörungen auftreten. Ein hoher Einsatz für eine leicht entspannende Wirkung. Beta-Blocker sind in Deutschland verschreibungspflichtig.

Modafinil

Modafinil ist ein Medikament, das hauptsächlich gegen Narkolepsi angewendet wird. Da Narkoleptiker unter andauernder Schlafsucht leiden, wirkt Modafinil dem entgegen. Außerdem fördert es die Aufmerksamkeit und steigert die motorische Aktivität. Obwohl der Arzneistoff ähnliche Reaktionen hervorruft wie Stimulantien, beeinflusst er die Biochemie des Körpers anders als bspw. Ritalin. Man weiß, dass Modafinil Effekte auf verschiedene Neurotransmittersysteme hat. Wie es im Detail wirkt, ist jedoch bislang unklar (Dr. Vögtli & Dr. Sibylla: 2017). Und genau hier liegt auch die Gefahr. Niemand kann sagen, ob und welche Schäden das Medikament hervorruft. Zudem ist die Arznei erst seit den späten 90er Jahren auf dem Markt, weshalb noch keine Langzeitstudien existieren. Modafinil steht seit 2008 nicht mehr unter dem Betäubungsmittelgesetz, ist jedoch verschreibungspflichtig.

Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack
In meinem Selbstexperiment habe ich gemerkt, dass Ärzte durchaus gewillt sind, Studenten in Stresssituationen mit Medikamenten unter die Arme zu greifen. Zwar habe ich kein Ritalin bekommen, jedoch haben mir zwei von drei Allgemeinmedizinern Beruhigungsmittel verschrieben, was ich für bedenklich halte.
Abschließend bleibt jedoch die Fragen offen, wieso sich Studenten überhaupt dopen müssen, um den stetig steigenden Anforderungen im Studium gewachsen zu sein. Meiner Meinung nach sollte diese Tatsache als Anlass genommen werden, dass Studiensystem einmal gründlich zu hinterfragen.


Der Artikel wurde verfasst von Marcus Ahle.

Literaturverzeichnis
Bopp, Anette & Herbst, Vera (2012): Handbuch Medikamente. Stiftung Warentest

PharmaWiki, (2017): Dr. Alexander Vögtli & Dr. Andrea Sibylla Dür. http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Modafinil (Zugriff: 04/2017)

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, (2017): Thorsten Bischoff. http://www.gesetze-im-internet.de/btmg_1981/anlage_iii.html (Zugriff: 04/2017)

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