Ein Boot, elf Studis und ein Kasten Bier

Ein Boot, elf Studis und ein Kasten Bier

Das erste Mal – Vier Fakten einer besonderen Sportart

Kutterpullen, was ist das eigentlich? Was haben Riemen damit zu tun? Und wer macht da eigentlich mit? Zwischen Seemännern und Logistikern hat unsere Autorin zum ersten Mal die Sportart Kutterpullen ausprobiert.

Fakt Nr. 1: Ein Kutter ist nicht immer ein Fischerboot

„Was ist das denn?“, fragten mich die meisten meiner Freunde, denen ich erzählte, dass ich am Training für das Kutterpullen teilnehmen möchte. Kutterpullen ist offensichtlich nicht überall bekannt. An der Jade Hochschule in Elsfleth ist es allerdings ein sehr beliebter Hochschulsport. Zwei Mal in der Woche, immer montags und mittwochs, treffen sich die Studierenden zum Training. Beim Kutterpullen sitzt jeweils eine Mannschaft in einem circa acht Meter langen „Kutter“, der mit einem Ruderboot vergleichbar ist. Die langen Ruder werden als „Riemen“ bezeichnet. Etwa eine Tonne schwer, benötigt ein Kutter optimalerweise eine Mannschaft von zehn Personen. „Gepullt“ wird auf fünf verschiedenen Positionen. Während die hinterste Position den Takt angibt, sind die Positionen zwei und drei für den „Antrieb“ zuständig, besonders kraftaufwendig und daher meist von männlicher Besatzung. Zusätzlich hat jedes Team einen Steuermann, der den Kutter führt.

Fakt Nr. 2: In einen Kutter gehört ein Kasten Bier

Tja, Leute. Recherche ist alles, kann ich euch nur sagen. Denn das oben beschriebene Grundwissen übers Kutterpullen habe ich mir dummerweise erst während des Trainings angeeignet. Also bin ich an einem milden Herbsttag, völlig ahnungslos, an einem kleinen Anleger an der Hunte in Elsfleth aufgekreuzt. Alle meine Sorgen über meine bevorstehende Blamage waren wie weggefegt, als mir direkt bei der Begrüßung das erste Bier in die Hand gedrückt wurde. Nachdem alle zusammengekommen waren, wurde besprochen, auf welcher Position ich denn pullen könnte. Humorvoll wurde eingeworfen, ich könne ja in der „Maschine“, auf Position zwei oder drei mitmachen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was das alles überhaupt bedeutete, also stimmte ich einfach erstmal allem zu. Ein Glück, dass dann beschlossen wurde, dass ich zunächst zum Zuschauen beim Steuermann sitzen sollte. Richard, der Steuermann und Trainer, steht oder sitzt am Ende des Kutters und erteilt Kommandos, die Schnelligkeit und Takt bestimmen. Außerdem ist er für die Lenkung und das Verteilen von Bier zuständig.

 

 

Fakt Nr. 3: Je lauter die Musik, desto stärker die Mannschaft

So schipperten wir also dem Sonnenuntergang entgegen. Für meine erste Kutterpullen-Erfahrung schien es mir ein perfekter Tag zu sein. Das Wetter war herbstlich, aber nicht zu kalt, und die Sonne legte sich in sanften Farben über die Felder an der Hunte. Ich saß am Rand des Kutters und observierte erstmal die Vorgänge des Trainings. Richards Position als Steuermann schien mir der Jackpot des Kutterpullens zu sein. Er bleibt vor jeglicher körperlichen Anstrengung verschont, während das Team sich die Arme müde rudert.

Dann ging es endlich richtig los: Richard ist nicht nur Steuermann, sondern genauso für die Playlist verantwortlich. Denn neben dem Bierkasten gehört auch ein Ghettoblaster zum Inventar des Kutters. Je lauter der Bass übers Wasser dröhnte, desto motivierter war das Team. Dazwischen klangen die lauten Rufe des Steuermanns. Die Oberkörper der Mannschaft bewegten sich zeitgleich vor und zurück, die Riemen tauchten gemeinsam ins Wasser. Richard ist ehrgeizig. Er spornt die Elsflehter an, bringt sie an ihre Grenzen und lässt sie mal schneller, mal weiter und mal ruhiger pullen. Diese gesamte Situation auf dem Wasser, Sonnenuntergang und die dröhnende Musik verursachten Gänsehaut. Auch in den Pausen, in denen der Kutter einfach auf dem Wasser trieb und bei Bier und Partyschlagern runtergefahren wurde, sah ich zwar in sehr erschöpfte Gesichter, aber Spaß hatte hier definitiv jeder.

Fakt Nr. 4: Paddel, Ruder, Riemen – alles das Gleiche!

Natürlich habe ich mich im Laufe des Trainings auch selbst am Kutterpullen versucht. Ich saß auf Position eins, der Position, die den Takt angibt. Schaut man einem Team beim Kutterpullen zu, sieht das gar nicht so schwierig aus. Zu zehnt im gleichen Rhythmus zu pullen, ist in der Praxis dann doch nicht einfach. Das „Paddel“, wie ich den Riemen unprofessioneller Weise nannte, ist größer und schwerer, als ich es mir vorgestellt habe. Überhaupt den richtigen Griff an richtiger Stelle und die richtige Position des Riemens selbst zu finden, war für mich die erste Herausforderung. Ich kam mir vor, als hätte ich jegliches Körpergefühl verloren. Das nächste Hindernis war der Bewegungsablauf. Den Körper zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu koordinieren, ohne dabei dem Hintermann oder Nachbarn in die Quere zu kommen, ist nicht so leicht, wie es beim Zuschauen aussieht. Ich habe mich vermutlich noch nie so oft bei so vielen verschiedenen Personen an einem Tag entschuldigt. Immer wieder stieß ich jemanden in die Seite. Den Riemen dann durchs Wasser zu ziehen und im richtigen Rhythmus schnell genug wieder hervorzuholen, ist ebenfalls keine Fähigkeit, die vom Himmel fällt. Andauernd verhakte sich das lange Ruder irgendwo (hier waren erneute Entschuldigungen fällig). Es gab zu viele Dinge zu beachten und ich dachte schon, es würde nie klappen. Nach einer kurzen Bierpause schaffte ich es endlich doch, mein „Paddel“ im richtigen Winkel zu führen, ohne es dabei irgendwem um die Ohren zu hauen, dabei meinen Hintermann nicht zu belästigen, den Takt zu halten und schnell genug im Bewegungsablauf zu sein.

Nach fast zwei Stunden kamen wir wieder am Anleger an. Ungefähr drei Bier alt, entsprechend gut gelaunt. Schnell wurde angelegt, mit Hilfe einiger Kommandos, die mir erstmal erklärt werden mussten. Ein letztes Mal saß ich hilflos im Kutter und versuchte, so gut wie möglich irgendwelchen Anweisungen, die ich zum ersten Mal hörte, zu folgen. Dass Kutterpullen so beliebt ist, kann ich jetzt gut verstehen. Spaß steht hier im Vordergrund und trotzdem wird das Team gefordert. Nach nur zwei Stunden haben Kutterpullen und Bier es geschafft, mich zu überzeugen – ich würde jederzeit wiederkommen.

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