Die Hürden eines gemeinwohlorientierten Internets

Die Hürden eines gemeinwohlorientierten Internets

Im Rahmen der Vortragsreihe des Instituts für Medienwirtschaft und Journalismus beschäftigte sich Dr. Christine Horz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum, mit den Hürden eines gemeinwohlorientierten Internets und erörterte die zukünftige Rolle der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender.

Die Öffentlich-Rechtlichen – von der Zeit überholt?

Auch Studierende müssen sie zahlen: Die GEZ-Gebühr – oder, wie sie inzwischen heißt: den Rundfunkbeitrag. Mit monatlichen 17,50 Euro pro Wohnung ist der Beitrag keine große finanzielle Einschränkung, jedoch wird damit ein Programm finanziert, dessen Zuschauerschaft im Schnitt 60 Jahre alt ist. Da stellt sich die Frage: Warum sollten Studierende jeden Monat für eine Leistung zahlen, von der sie nur wenig profitieren? Für unter 10 Euro kann man immerhin bereits ein Netflix-Abo erwerben. Und die Nachrichten zieht man sich kostenlos aus dem Internet.
Die Öffentlich-Rechtlichen haben zwei entscheidende Aufträge: Grundversorgung und Wahrung der Meinungspluralität. Die Aufträge wurden in einer internetlosen Zeit formuliert, in der die Erstellung und Verbreitung medialer Inhalte vor allem teuer und für einfache Bürger nicht zu bewerkstelligen waren. Heutzutage kann jedoch nahezu jeder problemlos seine Inhalte im Internet verbreiten. Ist damit nicht der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen erledigt und sind die Einrichtungen damit nicht obsolet?

„Es ist Zeit für eine Veränderung, jedoch nicht für die Abschaffung der Öffentlich-Rechtlichen“, sagt Christine Horz. Vor allem das Bedürfnis nach neutraler, hochwertiger Berichterstattung bestehe nach wie vor, sei im unüberschaubaren Meinungsgeflecht des Netzes vielleicht sogar wichtiger als je zuvor. Nachrichten, Sportübertragungen, Reportagen – das seien alles Formate, die für kommerzielle Anbieter meist zu teuer wären. Da staatlich finanzierte Sender jedoch durch ihre sichere Finanzierung nicht auf einen großen Marktanteil oder auf Werbekunden angewiesen sind, haben sie das Privileg, solche Formate in ihrem Programm regelmäßig zeigen zu können. „Darüber hinaus“, sagt Horz, „ist der Begriff der Grundversorgung eher unglücklich gewählt. Er bedeutet nämlich nicht, dass ein Minimum an medialen Inhalten zur Verfügung gestellt werden soll. Vielmehr ist er als Gewährleistung eines gewissen Qualitätsstandards zu sehen.“

Wie soll die Veränderung aussehen?

Laut Horz ist es wichtig, eine gemeinwohlorientierte Plattform im Netz zu schaffen. Den Sprung ins Internet haben die Öffentlich-Rechtlichen zwar geschafft, die Inhalte werden zurzeit jedoch größtenteils über Plattformen von Drittanbietern, wie YouTube und Facebook, an die Zuschauer gebracht. Also durch Firmen mit kommerziellem Interesse, über die die Öffentlich-Rechtlichen keine Kontrolle haben. Zudem sind die Content-Creator auf solchen Plattformen dazu gezwungen, sich den unternehmenseigenen Feed-Algorithmen zu unterwerfen. Die bestimmen, welche Inhalte Nutzern angezeigt werden. „Die individualisierten Nutzerangebote sorgen dafür, dass man sich in einer Echokammer widerfindet, die nur die eigene Meinung bestätigt. Differenzierte Meinungsbildung kann so nicht gewährleistet werden“, führt Horz weiter aus.

Lösungsvorschlag: Eine europaweite Kooperation. European Public Open Spaces – kurz: EPOS – wird dieses Vorhaben genannt. Christine Horz arbeitet selbst am gleichnamigen Forschungsprojekt. „Es gibt bereits erfolgreiche staatliche Kooperationen mit Sendern anderer Länder, so zum Beispiel den deutsch-französischen Sender Arte“, sagt Horz. „Unser Ziel ist dementsprechend eine europaweite,
öffentlich-rechtliche, gemeinwohlorientierte Internetplattform.“ Ins Netzwerk sollen zusätzlich verschiedenste Bildungs- und Kulturinstitutionen, wie Museen, die ohne kommerzielles Interesse arbeiten, mit einbezogen werden.

Weg von der Couch und ab ins Programm

Was das Projekt EPOS von vergleichbaren Zukunftsvisionen unterscheidet, ist die Idee der Publikumsbeteiligung. „Durch unsere Konsumerziehung haben viele gar nicht mehr das Gefühl, dass die öffentlich-rechtlichen Medien ihre eigenen Medien sind“, erzählt Horz. In anderen Ländern, wie etwa Großbritannien, werden die dortigen öffentlich-rechtlichen Institutionen mit Inbrunst von der Bevölkerung verteidigt, weil es dort auch Lobbyorganisationen außerhalb der Rundfunksender gibt, welche sich für Publikumsinteressen einsetzen. „Beim EPOS sollen die Bürger nicht nur das Programm kommentieren, sondern auch Stimmrecht über die Regulierung und Politik dieser Medien haben.“ Das Problem sei nur, dass die Bürger sich damit noch nicht auseinandergesetzt haben. In Deutschland gebe es da keine hinreichende Medienbildung. Damit das Projekt umgesetzt werden könnte, müsste also erst einmal Aufklärungsarbeit geleistet werden. Auch damit beschäftigt sich EPOS.
Eigenes Engagement, vor allem von jungen Menschen, wird dabei begrüßt. „In den öffentlich-rechtlichen Institutionen herrschen schon seit knapp 60 Jahren statische, hierarchische Strukturen, die Jugend könnte mit neuen Ideen für mehr Dynamik sorgen. Damit die Zielgruppe besser dargestellt werden kann, wäre eine junge Besetzung wichtig“, fordert Horz.

Wann oder ob so eine grenzenübergreifende Internetplattform eingerichtet wird, ist noch ungewiss, doch inzwischen ist den Öffentlich-Rechtlichen klar geworden: Veränderung muss her. Wie die Öffentlich-Rechtlichen versuchen, sich ins digitale Zeitalter einzufügen, sah man bisher an Experimenten wie der Ausweitung der ARD-Mediathek und dem ausschließlich im Internet veröffentlichten Jugendprogramm FUNK.

An der Jade Hochschule am Studienort Wilhelmshaven veranstaltet das Institut für Medienwirtschaft und Journalismus jedes Semester eine Vortragsreihe. Hierfür reisen Experten aus ganz Deutschland nach Wilhelmshaven, um zu aktuell medienrelevanten Themen zu referieren. Die Vorträge sind für alle Studierenden frei zugänglich.

 

Für alle, die sich weiter mit dem Thema beschäftigen wollen:
Hier gibt’s mehr Informationen zum Vorschlag des Publikumsrates.
Seht euch auch den offenen Brief an die Öffentlich-Rechtlichen an, welcher Zehn zukunftsweisende These beinhaltet.

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