Auf hoher See im Schiffsführungssimulator – jade.impuls
Auf hoher See im Schiffsführungssimulator

Auf hoher See im Schiffsführungssimulator

Kapitän Adam Wicherek steht mit seinem Ersten Offizier Jochen Senn auf der Brücke des Schiffes „Weser“. Beide sind hochkonzentriert, denn sie steuern gemeinsam die vielbefahrende Elbe hinauf nach Hamburg. Dann klingelt das Telefon: Die Verkehrszentrale meldet nahenden Gegenverkehr. Jetzt müssen die jungen Männer blitzschnell reagieren und vordenken. Wo können sie das entgegenkommende Schiff bestmöglich passieren? Die nächste Meldung kommt rein: Ein Stück weiter auf der Strecke brennt ein Schiff. Auch an diesem unerwarteten Hindernis müssen sie sicher vorbeifahren. Dabei sitzt ihnen jedoch der Zeitdruck im Nacken. Denn ihr Auftraggeber erwartet sie pünktlich.

Doch Adam Wicherek und Jochen Senn befinden sich gar nicht auf einem Schiff auf der Elbe, sondern in einem Gebäude der Jade Hochschule in Elsfleth. Zusammen absolvieren die Nautik- Studierenden gerade eine Übung im Schiffsführungssimulator.  „Hier können sie unter realen Bedingungen die theoretischen Inhalte des Studiums, wie Navigationsverfahren oder Manöver, in verschiedenen Übungen praktisch anwenden“, erläutert Hans-Jörg Nafzger, wissenschaftlicher Leiter des Simulators und Professor im Fachbereich Seefahrt.

Die Studierenden stehen an erster Stelle

Seit 2001 verfügt die Jade Hochschule über den Simulator. Dafür wurde eigens ein neues Gebäude errichtet, indem die Studierenden auf fünf Brücken das Führen eines Schiffes üben können, so Hans-Jörg Nafzger.  Die Brücken sind dabei mit allen notwenigen Instrumenten ausgestattet und über Bildschirme oder Leinwände wird die Sicht auf die Umwelt in Echtzeit nachgeahmt. „Das besondere hier in Elsfleth ist, dass der Simulator der Hochschule gehört und nicht etwa einer Rederei, sodass ganz klar die Lehre im Vordergrund steht“, sagt er weiter. „Natürlich betreiben wir hier auch Forschung und Entwicklung, wenn wir beispielsweise neue Geräte und Verfahren testen, und auch Unternehmen können den Simulator mieten, aber an erster Stelle stehen immer die Studierenden.“

 

Alle Brücken sind technisch voll ausgestattet. Foto: Justine Prüne
Alle Brücken sind technisch voll ausgestattet. Foto: Justine Prüne

160 Stunden Simulation

„Eine Simulation läuft immer auf dieselbe Weise ab“, erklärt Adam Wicherek. „Ungefähr eine Woche im Voraus erhalten wir die Aufgabenstellung, also auf welchem Schiff wir in welchem Seegebiet unterwegs sind,  und werden in Teams eigeteilt. So haben wir Zeit beispielsweise die Seekarten vorbereiten, Informationen über die Gegebenheiten der Strecke einzuholen oder den Kurs zu planen. Bevor die Simulation losgeht, haben wir außerdem 20 Minuten Zeit uns auf der Brücke einzurichten.“

Die verschiedenen Übungen dauern dann etwa eineinhalb bis zwei Stunden und haben unterschiedliche Schwierigkeitsstufen. „Zuerst lernen die Studiereden die Geräte und Instrumente auf der Brücke zu bedienen. Im nächsten Schritt proben wir die Fahrt unter normalen Bedingungen und zuletzt versetzten wir die angehenden Nautiker in Extremsituationen“, erklärt der Leiter der Anlage.

Für die Dauer der Simulation bekleiden die Studierenden verschiedenen Positionen, wie Kapitän oder Erster sowie Zweiter Offizier, und übernehmen unterschiedliche Aufgaben, beispielsweise Steuern oder Navigieren. „Es ist sehr wichtig die ganze Zeit in der Rolle zu bleiben“, so Jochen Senn.  „Auf diese Weise lernen wir uns in Führungspositionen hineinzuversetzen und im Team zu arbeiten.“ Die Kommunikation erfolgt dabei immer auf Englisch, so wie in der Realität. „Denn es ist sehr unwahrscheinlich nur mit Deutschen auf einem Schiff unterwegs zu sein“, erläutert Adam Wicherek.

„Maximal zwölf Studierende können gleichzeitig, verteilt auf die vier Brücken, an einer Übung teilnehmen. Dabei werden sie von Lehrenden betreut, die im sogenannten Instruktorraum sitzen. Vor dort aus können sie nicht nur die Simulation steuern, etwa die Wetterverhältnisse oder den Verkehr ändern, sondern sehen und hören auch alles, was die Studierenden während der Übung tun“, erklärt Hans-Jörg Nafzger. Außerdem wird alles aufgezeichnet und anschließend die Fahrt gemeinsam im Debriefing analysiert. „Für einen möglichst großen Lerneffekt schauen wir uns das Material an und besprechen ob und wo Fehler gemacht wurden“, so Jochen Senn. Laut Hans-Jörg Nafzger verbringen Nautik-Studierende im Laufe ihres Studiums auf diese Weise circa 160 Stunden im Simulator.

Hans-Jörg Nafzger, wissenschaftlicher Leiter des Schiffsführungssimulators, im Instruktorraum. Foto: Justine Prüne
Hans-Jörg Nafzger, wissenschaftlicher Leiter des Schiffsführungssimulators, im Instruktorraum. Foto: Justine Prüne

„Wertvollster Unterricht im ganzen Studium“

„Für die Hochschule bedeutet der Simulator einen hohen finanziellen und auch personellen Aufwand. Denn die Geräte und die Software sind sehr teuer und die Betreuung der Studierenden ist zeitintensiv“, so Hans-Jörg Nafzger. Doch Jochen Senn und Adam Wicherek sind sich einig, als die nach der Übung erleichtert die Brücke verlassen: „Die Übungen im Simulator sind der wertvollste Unterricht im ganzen Studium. Denn wir lernen nicht nur die Theorie anzuwenden, sondern werden dadurch auch selbstsicherer im Umgang mit Stresssituationen.“

 

Autor Justine Prüne

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